Barrierefreiheit ist kein Bonus — sie wird bald Pflicht
Ab 2025 gelten in der EU strenge Barrierefreiheits-Vorschriften. Auch die Schweiz zieht nach. Was das für deine Website bedeutet — und warum es sich auch ohne Gesetz lohnt.
Rund 1,8 Millionen Menschen in der Schweiz leben mit einer Beeinträchtigung. Das sind potenzielle Kunden, Bürger, Nutzer — die deine Website vielleicht nicht bedienen können. Ab Juni 2025 gilt in der EU das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), und auch die Schweiz verschärft die Anforderungen. Wer jetzt handelt, hat einen Vorsprung. Wer wartet, hat bald ein Problem.
Was Barrierefreiheit im Web konkret heisst
Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass deine Website langweilig aussehen muss. Es bedeutet, dass sie für alle nutzbar ist — auch für Menschen mit Sehbehinderung, motorischen Einschränkungen oder kognitiven Beeinträchtigungen. Konkret geht es um Dinge wie:
- Ausreichende Farbkontraste, damit Text auch bei Sehschwäche lesbar ist
- Tastatur-Navigation, weil nicht alle eine Maus benutzen können
- Alt-Texte bei Bildern, damit Screenreader den Inhalt vorlesen können
- Klare Überschriften-Hierarchie, die Orientierung ermöglicht
- Verständliche Sprache und konsistente Navigation
Im Grunde ist es so: Barrierefreiheit macht deine Website besser für alle. Klare Kontraste, logische Struktur, verständliche Texte — davon profitiert jeder Besucher, nicht nur Menschen mit Beeinträchtigungen.
Warum gerade Gemeinden und öffentliche Hand handeln müssen
Für Gemeinden, Kantone und öffentliche Institutionen ist Barrierefreiheit nicht optional. Das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) verpflichtet sie bereits heute, ihre digitalen Angebote zugänglich zu gestalten. In der Praxis wird das allerdings noch oft ignoriert.
Das ändert sich. Die Erwartungen steigen, die technischen Prüfmöglichkeiten werden besser, und Bürger fordern ihr Recht ein. Bei einem Projekt mit einer öffentlichen Institution haben wir erlebt, wie ein Accessibility-Audit aufgedeckt hat, dass zentrale Formulare für Screenreader komplett unbenutzbar waren. Das sind keine Randgruppen-Themen — das sind grundlegende Dienstleistungen, die nicht funktioniert haben.
Was das BFSG für Schweizer Unternehmen bedeutet
Das EU-Barrierefreiheitsstärkungsgesetz betrifft direkt erst mal Unternehmen mit EU-Kunden. Aber die Schweiz orientiert sich erfahrungsgemäss an EU-Standards — und wer heute schon exportiert, international rekrutiert oder EU-Kunden hat, ist direkt betroffen.
Aus Erfahrung würden wir empfehlen, nicht auf ein Schweizer Gesetz zu warten. Die WCAG 2.2-Richtlinien (Web Content Accessibility Guidelines) sind der internationale Standard, und wer sie heute umsetzt, ist für jede Regulierung gewappnet. Das Gute: Vieles davon ist mit modernen Frameworks und sauberem HTML bereits abgedeckt — es braucht kein teures Spezialprojekt.
Barrierefreiheit nachträglich vs. von Anfang an
Den grössten Fehler, den wir sehen: Barrierefreiheit wird als nachträgliches "Feature" behandelt. Die Website steht, und dann soll ein Overlay oder Plugin alles richten. Das funktioniert nicht. Accessibility-Overlays sind in der Fachwelt umstritten und lösen die eigentlichen Probleme nicht.
Was gut funktioniert hat: Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken. Bei jedem Designentscheid, bei jeder Komponente. Das kostet in der Entwicklung kaum mehr — aber eine nachträgliche Sanierung kann schnell teuer werden. Eine Möglichkeit wäre, bei einem anstehenden Relaunch Barrierefreiheit gleich als Anforderung mitzunehmen, statt sie später draufzuflicken.
Das Wesentliche auf einen Blick
- 1,8 Millionen Menschen in der Schweiz leben mit Beeinträchtigungen — sie alle sind potenzielle Nutzer deiner Website
- Das EU-Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit Juni 2025 — die Schweiz wird nachziehen
- Gemeinden und öffentliche Institutionen sind durch das BehiG bereits heute verpflichtet
- Barrierefreiheit macht Websites besser für alle — nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigungen
- Von Anfang an mitdenken kostet wenig — nachträglich sanieren kostet viel
- WCAG 2.2 ist der Standard: Wer ihn heute umsetzt, ist für jede Regulierung bereit