Contao ablösen: Solides Handwerk ohne Zukunft?
Contao ist technisch solide, aber das winzige Ökosystem und fehlende Headless-Fähigkeit machen es zur Sackgasse. Warum der Wechsel jetzt einfacher ist als später.
Contao gehört zu den CMS, die man kennt – wenn man aus der deutschsprachigen Webentwicklung kommt. Ausserhalb des DACH-Raums? Praktisch unbekannt. Das war lange kein Problem. Contao funktioniert zuverlässig, ist technisch sauber gebaut und hat eine kleine, aber engagierte Community. Doch genau diese Stärke wird zunehmend zur Schwäche.
Denn während die Webwelt Richtung Headless, API-first und Multi-Channel marschiert, bleibt Contao ein klassisches PHP-CMS mit Rendering im Monolithen. Solide Handwerksarbeit – aber ohne Anschluss an die Zukunft.
Konkret bedeutet das: Deine Inhalte sitzen in einem System fest, das nur HTML-Seiten ausliefert. Keine App, kein Chatbot, kein Digital Signage – ausser du pflegst alles doppelt.
Was Contao gut macht – und wo es aufhört
Anerkennung, wo sie hingehört: Contao macht vieles richtig. Das System hat einen sauberen Core, gute Barrierefreiheit ab Werk und ein durchdachtes Rechtemanagement. Für einfache bis mittlere Websites – Vereine, KMU, Schulen – funktioniert Contao tadellos.
Das Template-System ist logisch aufgebaut, die Community pflegt Extensions ordentlich, und die Dokumentation ist für ein Nischensystem überraschend gut. Wer einmal mit Contao gearbeitet hat, schätzt die Stabilität.
Gerade in der Schweiz hat Contao eine treue Anhängerschaft. Verschiedene Agenturen im DACH-Raum haben sich darauf spezialisiert, und der Contao-Konferenztag in Deutschland zieht regelmässig einige hundert Entwickler an. Für ein Nischenprodukt ist das beachtlich.
Aber genau hier liegt das Problem: Contao löst die Aufgaben von gestern sehr gut. Für die Anforderungen von morgen fehlt das Fundament.
Das Nischen-Dilemma: Zahlen, die man kennen sollte
Die grösste Herausforderung von Contao ist nicht technischer Natur – es ist die Grösse des Ökosystems. Laut BuiltWith nutzen weltweit rund 30'000 Websites Contao. Zum Vergleich: WordPress kommt auf über 800 Millionen, Joomla auf rund 2 Millionen. Selbst Typo3, ein weiteres DACH-lastiges CMS, liegt bei geschätzt 500'000.
Was bedeutet das konkret?
- Wenige spezialisierte Entwickler auf dem Markt – in der Schweiz zählst du sie an zwei Händen
- Ein begrenztes Extension-Angebot: Der offizielle Marktplatz listet rund 1'700 Erweiterungen – Joomla hat über 8'000, WordPress über 60'000
- Kaum Integrationen mit modernen Marketing-Tools, E-Commerce-Plattformen oder Analytics-Diensten
- Wenig Investment in zukunftsweisende Features wie Headless-Betrieb oder AI-Assistenz
Die npm-Downloads des Contao-Ökosystems liegen bei wenigen hundert pro Woche. Bei Sanity sind es über 400'000 wöchentliche Downloads allein für das Kernpaket. Das heisst für dich: Jede Erweiterung, die du bei Contao brauchst und nicht findest, muss individuell entwickelt werden – das kostet.
Wenn dein Contao-Entwickler den Job wechselt, hast du ein echtes Problem. Nicht weil Contao schlecht dokumentiert wäre – sondern weil der Pool an Fachleuten winzig ist. In einem Land wie der Schweiz, wo Fachkräfte ohnehin rar sind, wird das besonders spürbar.
Kein Headless, keine Multi-Channel-Strategie
Hier wird es für wachsende Unternehmen kritisch: Contao hat keine native Headless-Fähigkeit. Deine Inhalte leben im System und kommen als fertig gerenderte HTML-Seiten heraus. Punkt.
Das heisst für dich: Willst du dieselben Inhalte in einer App anzeigen, über einen Chatbot ausspielen oder für Digital Signage nutzen – musst du sie doppelt pflegen. Oder dreifach. Das skaliert nicht.
Moderne Headless CMS wie Sanity.io oder Payload CMS trennen Inhalt von Darstellung. Du pflegst deine Texte, Bilder und Daten einmal – und spielst sie überall aus, wo du sie brauchst. Per API, typisiert, strukturiert. Ein Beispiel: Ein Schweizer Unternehmen im Gesundheitsbereich hatte seine Inhalte in Contao. Für die Patienten-App mussten dieselben Texte nochmals manuell eingepflegt werden. Nach dem Wechsel auf ein Headless CMS fällt dieser Doppelaufwand komplett weg.
Bei einem Projekt genau in diesem Bereich haben wir den Wechsel begleitet: Von einer Contao-Website, auf der jede Seite manuell zusammengebaut war, zu einem System mit wiederverwendbaren, konsistenten Inhaltsblöcken. Die Redaktion spart heute rund 50% der Pflegezeit – das sind bei einer fünfköpfigen Redaktion mehrere Stunden pro Woche.
Wartbarkeit: Das unterschätzte Risiko
Contao-Websites haben ein Muster, das wir immer wieder sehen: Sie funktionieren gut – solange nichts verändert werden muss. Aber sobald ein Redesign ansteht, ein neues Feature dazukommt oder die Marketingabteilung «mal schnell» einen neuen Seitentyp braucht, wird es aufwändig.
Warum? Weil Contao auf einem Template-System basiert, das eng an die Darstellung gekoppelt ist. Ändert sich das Design, muss oft auch die Inhaltsstruktur angepasst werden. Das ist das Gegenteil von zukunftssicher.
Aus Erfahrung können wir sagen: Bei Contao-Projekten verbringen Entwickler typischerweise 30–40% der Redesign-Zeit mit Inhaltsanpassungen. Bei einem entkoppelten Headless-Setup liegt dieser Anteil nahe null.
In einem Headless-Setup ist das anders: Das Frontend (bei uns typischerweise SvelteKit) lässt sich komplett neu bauen, ohne dass ein einziger Inhalt im CMS angefasst werden muss. Redesign in Wochen statt Monaten.
Typische Bedenken – und ehrliche Antworten
«Contao läuft doch stabil bei uns.» Stimmt vermutlich. Aber «läuft» und «entwickelt sich weiter» sind zwei verschiedene Dinge. Wenn dein Markt sich bewegt – neue Kanäle, neue Anforderungen, neue Erwartungen – sollte dein CMS mitziehen können.
«Wir finden schon einen Contao-Entwickler.» Vielleicht. Aber die Realität zeigt: Der Markt wird kleiner. Und wer übrig bleibt, kann sich die Stundensätze aussuchen. Laut aktuellen Erhebungen liegen Contao-Spezialisten in der Schweiz bei CHF 180.– bis CHF 220.– pro Stunde – deutlich über dem Durchschnitt für vergleichbare CMS-Arbeit.
«Eine Migration ist zu aufwändig.» Aus Erfahrung wissen wir: Die meisten Contao-Seiten haben überschaubare Inhaltsmengen. Gerade weil Contao oft für kleinere bis mittlere Projekte eingesetzt wird, ist die Migration kompakter als bei Enterprise-Systemen. Typisch: 3–6 Wochen für Konzept, Migration und Go-live.
«Wir brauchen kein Headless.» Heute vielleicht nicht. Aber die Frage ist: Willst du in zwei Jahren nochmal migrieren, wenn es dann nötig wird? Oder einmal richtig?
Das Wesentliche auf einen Blick
- Contao ist technisch solide, aber das winzige Ökosystem (rund 30'000 Websites weltweit) macht Weiterentwicklung teuer und Entwicklersuche schwierig – besonders in der Schweiz
- Kein nativer Headless-Modus bedeutet keine Multi-Channel-Fähigkeit – App, Chatbot oder Digital Signage sind ohne Doppelpflege nicht möglich
- Template-basierte Architektur koppelt Inhalt an Darstellung – jedes Redesign wird zum Kraftakt (30–40% der Zeit für Inhaltsanpassungen)
- Headless CMS wie Sanity oder Payload bieten strukturierte, wiederverwendbare Inhaltsblöcke und sparen bis zu 50% Pflegezeit
- Eine Migration von Contao dauert typischerweise 3–6 Wochen – kompakter als bei grösseren Legacy-Systemen
- Das Frontend (SvelteKit) lässt sich unabhängig vom CMS erneuern – Redesign ohne Content-Migration
- Contao-Spezialisten in der Schweiz sind rar und teuer – langfristig ein Budget-Risiko, das viele unterschätzen